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Zahlen belegen eindeutig: Wirtschaftswachstum und Alterung - das geht problemlos

Von Prof. Dr. Gerd Bosbach und Jens Jürgen Korff M. A.

Köln/Herford, 4. Mai 2017

Die Deutsche Bundesbank warnt wegen des demographischen Wandels vor einer deutlichen Abschwächung des Wirtschaftswachstums auf mittlere Sicht. In den Jahren 2021 bis 2025 werde das trendmäßige Wachstum voraussichtlich auf 0,75 Prozent zurückgehen (zum Vergleich: 1,25 Prozent in den Jahren 2011 bis 2016), teilte die Bundesbank in ihrem Monatsbericht April 2017 mit. Die Meldung reiht sich ein in viele Prognosen, nach denen die Alterung der Gesellschaft aufs Wirtschaftswachstum schlagen werde. Doch ist das überhaupt plausibel? Wir schauen uns das mal näher an!

Schon der flüchtige Blick auf die jährlichen Wachstumsraten des Bruttoinlandsproduktes (BIP) lässt Zweifel aufkommen – denn wir sehen dort: Das BIP wächst im Schnitt stärker, obwohl die Gesellschaft altert, also der Anteil der Älteren an der Gesamtbevölkerung zunimmt. Wenn wir uns die Entwicklung von 1991 bis 2015 genauer anschauen, finden wir keinerlei Beleg für die These, dass Alterung schädlich fürs Wirtschaftswachstum sei: So ist der Anteil der 65-Jährigen und Älteren von 15 auf 21,1 % gestiegen. Gleichzeitig ist das BIP um 36,9 % gestiegen.

  1. Die angeblich dramatische Alterung in Zahlen

(eine übersichtliche Tabelle finden Sie im Anhang, die Entwicklung seit 2000 weiter unten im Text)

Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer ist seit 1991 um 6,0 Jahre, die der Frauen um 4,3 Jahre gestiegen.

Der Anteil von 65+ (65 und älter) stieg von 15,0 auf 21,1 Prozent. Das ist ein satter Anstieg um über 40 Prozent.

Der Anteil der unter 20-Jährigen sank von 21,5 auf 18,3 Prozent. Das ist ein Rückgang um fast 15 Prozent.

Aus solchen Veränderungsraten wurden und werden Angstszenarien aufgebaut. Allerdings nur für die Zukunft. Wenn sie in der bereits bewältigten Vergangenheit liegen, werden sie oft ignoriert.

  1. Die parallele wirtschaftliche Entwicklung

Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg preisbereinigt um 36,9 % (Kettenindex des Statistischen Bundesamtes, s. Anhang).

Da parallel die Bevölkerung um knapp eine Million Köpfe gewachsen ist, geben wir statistisch sauberer das BIP pro Kopf an. Dieses ist um 33,8 % gestiegen.

  1. Quintessenz

Die deutliche Alterung seit der Wiedervereinigung war mit einer Wirtschaftsleistung verbunden, die real deutlich gewachsen ist. Der Abbau von Sozialleistungen in dieser Zeit lag also nicht an der demografischen Alterung. Das Kaninchen kann den Blick getrost einmal von der Schlange Demografie abwenden und eine andere Schlange ins Visier nehmen: nämlich die Frage, wie das wachsende erwirtschaftete Produkt verteilt wurde und wird.

  1. Die unvermeidlichen Feinheiten des Statistikers und die aktuellere Entwicklung seit dem Jahr 2000

a) Der Betrachtungszeitraum wurde mit 2015 begrenzt, da noch nicht alle Daten für 2016 vorliegen.

b) Der Zeitraum umfasst mit 24 Jahren deutlich weniger als die oft benutzten 50-Jahres-Prognosen. Die oben angegeben Entwicklung des BIP pro Kopf ergäbe hochgerechnet auf 50 Jahre ein Wachstum von mehr als 80 Prozent (wegen des Zinseszinseffektes). Das bedeutet: Auch eine deutliche Alterung ist finanzierbar.

c) Der Betrachtungszeitraum war keine Boomzeit, sondern von größeren wirtschaftlichen Problemen begleitet: Schwierigkeiten beim Aufbau Ost, Depression 2000 bis 2005, Finanzkrise mit einem Minus von 5,6% beim BIP im Jahr 2009. Wir haben also nicht besonders gute Jahre ausgesucht, um unsere These zu belegen, dass Wirtschaftswachstum und Alterung problemlos zusammengehen.

d) Bei den Bevölkerungszahlen haben wir die offiziellen Daten des Statistischen Bundesamtes genutzt, auch wenn dort die beim Zensus 2011 ermittelte Überschätzung von 1,4 Millionen Menschen nicht für die Vorjahre bereinigt wurden (s. Tabelle im Anhang). Für den Vergleich 2015 mit 1991 ist das völlig unproblematisch, der nachfolgende Vergleich zu 2000 spiegelt aus diesem Grund die Wirklichkeit nicht ganz genau wider.

e) Die Entwicklung von 2000 bis 2015: Die durchschnittliche Lebenserwartung der Männer ist seit 2000 um 3,1 Jahre, die der Frauen um 1,9 Jahre gestiegen. Der Anteil von 65+ (65 und älter) stieg von 16,7 auf 21,1 Prozent. Das ist ein satter Anstieg um über 26 Prozent. Der Anteil der unter 20-Jährigen sank von 21,1 auf 18,3 Prozent. Das ist ein Rückgang um gut 13 Prozent. Das Bruttoinlandsprodukt (BIP) stieg im gleichen Zeitraum preisbereinigt  um 18,3 Prozent. Das BIP pro Kopf stieg wegen der leicht gesunkener Bevölkerungszahl sogar um + 18,5 Prozent

f) Details zum von der Deutschen Bank befürchteten Rückgang des Erwerbspersonenpotenzials und zur Frage, ob 0,75% durchschnittliches Wachstum bei zurückgehender Bevölkerungszahl überhaupt ein Problem sind, finden Sie in unserem am 22. Mai erscheinenden Buch "Die Zahlentrickser", Kap. 6 Schrumpfen, Pflegen und Vergreisen: Vier Einwände gegen das demografische Gruselkabinett.

 

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