Aktuelles

Über die Kraft des Kreuzes

Nachdenkliches zum Karfreitag von Hanns Peter Wagner

Der Münchner Merkur veröffentlichte am Gründonnerstag 2018 auf Seite 3 einen sehr ansprechenden Bericht mit dem Titel „Christlicher Glaube auf dem Berg – Der Herr Pfarrer und seine Gipfelkreuze.“ Es ist die Geschichte des evangelischen Pfarrers Ekkehard Purrer, der lange Jahre in Marquartstein und in München-Fürstenried gearbeitet hat. Er hat zwei Leidenschaften, so der Münchner Merkur: den Glauben und die Berge. Beides verbindet er zu einem schönen Steckenpferd. Er fotografiert und erforscht Gipfelkreuze. Mit der Akribie eines Historikers hat er bisher 44 Gipfelkreuze dokumentiert.

Es ist wohltuend, statt immer nur Nachrichten über Angst einflößende Ereignisse der internationalen Politik und Ärger bereitende innerdeutsche Politik auf den ersten drei Seiten lesen zu müssen, nun diesen die Emotionen positiv berührenden Bericht über den christlichen Glauben auf dem Berg und den Pfarrer Ekkehard Purrer und seine Gipfelkreuze wirklich mit Genuss aufnehmen zu können.

„Der Gipfel des Glaubens ist das Kreuz“, sagt Ekkehard Purrer. Damit stellt er eine Verbindung zwischen seinem Glauben und seinen Wanderungen zu den Kreuzen auf den Berggipfeln her. Er bemerkt weiter, dass ihn Kreuze beruhigen und ihm Hoffnung verleihen.

Vom Kreuz, ob schlichtem Balkenkreuz oder Kruzifix, geht Kraft aus. Welche gewaltige Kraft das sein kann, davon gibt es, im Folgenden geschildert, ein eindringliches Zeugnis. Im Norden Litauens im Bezirk Šiauliai befindet sich der „Berg der Kreuze“, ein Wallfahrtsort, für Pilgerreisende und Touristen im Baltikum ein absolutes Muss. Dieser Berg ist eher ein Hügel, auf dem mehr als 50.000 Kreuze stehen, liegen oder hängen. Aus Holz, aus Stahl oder Eisen, aus Stein oder Beton. Große und kleine Kreuze. Wer diesen Hügel durchwandert, wird unweigerlich von der ganzen Wucht des durch diese Kreuze symbolisierten tiefen Glaubens erfasst. Verstärkt wird dies durch die mystische, beinahe beklemmende Stimmung des Ortes. Es ist aber auch spürbar ein Ort des Friedens. Die Kreuze bezeugen menschliche Einzel- und Gruppenschicksale im Guten wie im Schlechten. Glück, Dankbarkeit, Hoffnung und tiefe Verzweiflung kommen darin zum Ausdruck. Sie werden errichtet aus Anlass von Geburten und Taufen, bei Hochzeiten, bei Todesfällen und vielen anderen einschneidenden Ereignissen. Und es stehen dort auch Kreuze nicht nur zum Gedenken der Opfer des stalinistischen Terrors, sondern auch wegen des stalinistischen Terrors.

Den herrschenden Stalinisten war dieser Hügel mit seinen tausenden Kreuzen ein Dorn im Auge. 1961 walzten sie ihn das erste Mal mit Bulldozern nieder. Sie verbrannten die Holzkreuze, warfen die Eisenkreuze auf den Schrott, zertrümmerten die Steinkreuze oder versenkten sie in Flüssen oder Seen. Kaum hatten die Stalinisten ihr Zerstörungswerk beendet, wuchsen auf dem Hügel über Nacht wieder die Kreuze in den Himmel. Das Sowjetregime wiederholte 1973 bis 1975 dieses Zerstörungswerk, bis es merkte, dass es erfolglos war, wodurch der Berg der Kreuze zum Symbol des Widerstands wurde.

Kann aus dieser Geschichte eine Parallele zu der Serie von Angriffen auf unsere Gipfelkreuze vor einigen Jahren gezogen werden? Ein bisschen schon. Wenn ein Gipfelkreuz oder ein Wegkreuz – Marterl – beschädigt, umgerissen oder ganz zerstört wird, dann errichten wir es wieder neu. Wird es wieder zerstört, wird es wieder errichtet, so lange, bis der letzte Wirrkopf merkt, dass sein zerstörerisches Tun erfolglos ist, weil er der Kraft, die vom Kreuz ausgeht, immer unterlegen sein wird.

Die Botschaft des Kreuzes ist Liebe, nicht Hass oder Feindschaft; sie ist Einladung, nicht Ablehnung; sie ist Ermutigung, nicht Anordnung oder gar Befehl. Das Drehbuch zum Film „Ein Leben für den Frieden – Papst Johannes XXIII.“ lässt in einer Szene den Papst mit Blick auf das Kruzifix sagen: „Jesus breitet die Arme aus.“

Trotz alledem herrscht in unserer angeblich nach Toleranz und Offenheit strebenden Gesellschaft ein Zeitgeist der Ablehnung des Kreuzes, der noch dazu durch Gerichtsurteile zementiert ist.

WPH

 

© SEN München Land 2018